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Giebel, die die Welt verändern – Wie die Kaufleute der Altstadt über das Münsterland hinaus Geschichte schrieben – Teil 1

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Teil 1: Das Josef-Schmelter-Haus am Roggenmarkt 11

Münsters Altstadt gehört unbestritten zu den schönsten in Deutschland. Auf den Grenzen des alten Klosters Monasterium – dem die Stadt ihren Namen verdankt – verläuft ringförmig ein einmaliges Ensemble von Häusern, deren Wurzeln teils bis in das Mittelalter zurückreichen. Geschichtsträchtige Bauwerke, die vom Stolz ihrer Besitzer und auch vom Wohlstand der Stadt zeugen. Auf den ersten, flüchtigen Blick alles gleichartig, bei genauem Hinsehen jedes ganz und gar einzigartig. Sehr verschieden und doch sehr harmonisch. Wir werfen in der neuen Artikelreihe „Giebel, die die Welt verändern“ einen Blick auf die einzelnen Straßenzüge. In jedem Beitrag präsentieren wir ein ausgewähltes Gebäude näher – auch wenn viele andere ebenfalls spannende Geschichten erzählen könnten. Den Auftakt bildet der Roggenmarkt und hier das Haus Nr. 11, das bereits 1566 im Weser-Renaissance-Stil zweigeschossig erbaut worden war. 
Der Roggenmarkt 11 hat in seiner jahrhundertelangen Geschichte mehrfach die Fassade gewechselt. Das ursprünglich zweigeschossige Haus erhielt 1723 einen zeitgemäßen barocken Sandsteingiebel. „1889 musste das alte Haus einem geschmacklosen Neubau aus gelben Verblendsteinen weichen, der jedoch bereits 1904 einem Brand zum Opfer fiel“, hieß es etwas despektierlich in einem Verkaufsprospekt. Schon 1906 wurde das Gebäude von Architekt Alfred Hensen im Stile der Renaissance wieder aufgebaut, und es erhielt sowohl ein drittes Vollgeschoss als auch einen im Stil an die unteren Geschosse angepassten Giebel. Nur die beiden unteren Etagen überstanden den Krieg.

Dieser Zweite Weltkrieg hätte das Ende für das Münster – so wie wir es heute kennen – bedeuten können. Viele andere Städte brachen radikal mit allem Alten und schufen neue, meist breite, gerade Verkehrsachsen. Münsters Innenstadt war durch insgesamt 102 Luftangriffe zu fast 91 Prozent zerstört worden. Als Handels-, Verwaltungs- und Garnisonsstadt war die Westfalenmetropole ein lohnendes Ziel für die Bomber der Alliierten, und so wurde am 10. Oktober 1943 einer der ersten Tagesangriffe auf eine deutsche Stadt geflogen. Rund 200 Bomber warfen an diesem Tag 2.200 Sprengbomben, 20.000 Stabbrandbomben und 660 Phosphorbomben über Münster ab. 479 Zivilisten und fast 200 Soldaten kamen dabei zu Tode. Unbekannt geblieben ist die Anzahl der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, die im Zuge des Angriffs starben. 

Prägend für Ernst-August Schmelter – dem heute das Haus Roggenmarkt 11 gehört – war der Luftangriff am 12. September 1944. Dabei verlor die Familie alles: Das erfolgreiche Fotogeschäft seiner Eltern Josef und Maria Schmelter an der Hammer Straße 5, und auch die in der Nähe liegende Wohnung und das Labor für Filmentwicklung. Die Familie Schmelter fand in der Grevener Bauerschaft Westerode eine neue Bleibe, kehrte aber bereits 1948 nach Münster zurück. Hier war der Wiederaufbau schon im Gange, nachdem zunächst Unmengen an Schutt beseitigt oder zur Wiederverwendung aufbereitet worden war. Doch wie sollte man diese total zerstörte Stadt wieder aufbauen? Möglichst originalgetreu wie vor dem Krieg oder modern, vielleicht sogar visionär? Die Entscheider zeigten Weitblick: Von der Rothenburg über den Prinzipalmarkt, Drubbel, Roggenmarkt und Bogenstraße bis zum Spiekerhof blieben die Parzellierungen erhalten. Die Fassaden und Bogengänge wurden moderat angepasst, dahinter – also von den Straßen aus nicht sichtbar – zeitgemäß gebaut. 

Eine besondere Rolle kam dabei den Münsteraner Kaufmannsfamilien zu. Die neue Generation war um die 40 Jahre jung, man hatte zum Glück den Krieg überlebt, man kannte sich, war vernetzt, obwohl das Wort im heutigen Sinn damals noch gar nicht erfunden war. Für sie stand fest: Wir müssen unser Münster so schnell wie möglich wieder zu einer attraktiven Stadt werden lassen. Stellvertretend für viele seien hier die Familien Beitelhoff, Brinkmann, Feldhaus, Greve, Grümer, Hamel/Kluxen, Harenberg/Verspohl, Heinkele, Hettlage, Hüffer, Kleimann, Kösters, Niemer, Petzhold, Schmidt, und Weitkamp/Schnitzler genannt. Auch die Familie Schmelter packte kräftig an. Josef Schmelter baute auch das vollständig zerstörte Geschäftshaus Salzstraße 61 wieder auf und eröffnete 1949 sein Geschäft für Foto- und Kinoprodukte. Bereits wenige Jahre später wurde sein Sohn Ernst-August im Alter von nur zwanzig Jahren durch Präsident Friedrich Leopold Hüffer in den Verein der Kaufmannschaft zu Münster von 1835 aufgenommen.

Auch am Roggenmarkt 11 zog wieder Leben ein. Die Diskothek Insel-Café war ein beliebter Treffpunkt. „Die Minute kostete einen Pfennig Eintritt“, berichtet der Stadtchronist Henning Stoffers. „Ganz so preiswert war dies nicht, wie man zunächst meinen könnte. Ein dreistündiger Aufenthalt summierte sich immerhin auf 1,80 Mark. Hinzu kamen die Getränke, so dass der Abend durchaus 4 Mark kosten konnte, damals eine Menge Geld.“ Pferdestall, Insomnia, Le Club oder 4400 sind nur einige der Clubs, die im Laufe der Jahrzehnte im Keller des Roggenmarkt 11 zu finden waren. 

Anfang der 1980er Jahre entschied sich Architekt Andreas Deilmann als damaliger Eigentümer der Immobilie für die Gestaltung und den Bau einer neuen Fassade, die er als Stufengiebel in Sandstein ausführte und dabei die Proportionen, Fenstereinteilungen und Abstufungen der Gebäudefront von 1723 aufnahm. Damit erteilte Andreas Deilmann denen eine Absage, die gerne einen Wiederaufbau des Giebels im zeitfremden Renaissancestil gesehen hätten. 1989 kaufte Ernst-August Schmelter das Gebäude, dem er Ende 2021 zu Ehren seines Vaters den Namen Josef-Schmelter-Haus gab. Im Gespräch erläutern Ernst-August Schmelter, Andreas Deilmann und Henning Stoffers, was den Roggenmarkt 11 besonders macht:

top magazin: Herr Schmelter, Sie haben eine hohe emotionale Bindung an Ihr Haus?

Schmelter: Mein Vater war als Unternehmer immer mein großes Vorbild. Mit 39 Jahren startete er 1947 in der Innenstadt – wie seine Freunde – mit dem Wiederaufbau. Leider konnte er nur acht Jahre mitwirken. Zu seinen Ehren soll unser Haus am Roggenmarkt ab sofort Josef-Schmelter-Haus heißen. 

top magazin: Wird der Name des Hauses auch nach außen sichtbar gemacht? 

Schmelter: Ich werde dort eine Plakette anbringen lassen. Wo genau und wie groß sie sein wird, steht noch nicht endgültig fest. 

top magazin: Herr Deilmann, die Neugestaltung eines Hauses und seiner Fassade an derart prominenter Stelle war sicher kein Auftrag wie jeder andere. Worauf kam es dabei an?

Deilmann: Da das Erdgeschoss und das 1. Obergeschoss im Weser-Lippe-Renaissance-Stil den Krieg überstanden hatte, ging es um die Frage: im alten Stil ergänzen oder zeitgemäß aufbauen. Wie man zeitgemäß aufbaut, hatte mein Vater einige Jahre vorher mit dem Volkswohlbundgiebel zwei Häuser weiter vorgemacht.

top magazin: Wäre für sie eine Rekonstruktion im Renaissancestil eine Option gewesen?

Deilmann: Nein, ich halte wenig davon, einen alten Stil einfach so zu kopieren. So wie die Gesellschaft sich weiterentwickelt, sollten es auch Gebäude tun. Das bedeutet aber nicht, Bestehendes, Bewährtes abzureißen, nur um was Neues entstehen zu lassen. 

top magazin: Herr Stoffers, können Sie für uns den Roggenmarkt 11 historisch einordnen? 

Stoffers: In der Nähe der Lambertikirche steht seit fast einem halben Jahrtausend das Haus Roggenmarkt 11. Errichtet wurde es 21 Jahre nach dem Ende der Täuferzeit. Kriege, Friedenszeiten, Epidemien und Brandkatastrophen sind über dieses Gebäude hinweggegangen. Das Haus hatte Wohnungen und beherbergte unter anderem Geschäfte für Haushaltswaren, Bekleidung sowie viele Jahre auch Gaststätten. Der bekannte Architekt Alfred Hensen entwarf Anfang des 20. Jahrhundert den Neubau im Renaissance-Stil. Nach der Zerstörung ist eine Symbiose aus alten Hensen- und neuen Deilmann-Stilelementen entstanden, was dem Gebäude einen unverwechselbaren Reiz gibt.

top magazin: Wie finden Sie die Idee, ein Gebäude nach einer Person zu benennen?

Stoffers: Wir sollten uns immer in Dankbarkeit an die Generation erinnern, die Münster in schwerer, entbehrungsreicher Zeit wiederaufbaute. Und zu diesen Menschen gehört Josef Schmelter, der mit Zuversicht und Tatkraft seinen Teil dazu beigetragen hat. Seiner zu gedenken, gehört zu unserer Erinnerungskultur und ist sehr begrüßenswert.

top magazin: Vielen Dank für das freundliche Gespräch.

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